←1914

Auf Höhe 267 blieben wir bis Anfang Februar [1915]. Arbeit wechselte mit Patrouillengang. Manche Nacht waren wir bis auf die Haut durchnäßt - oft war es auch sehr fein, besonders, wenn es etwas kälter war. In einer so klaren Sternennacht ging ich auch mit Patrouille - wir waren ganz vorn, fast am französischen Vorposten; plötzlich hörten wir prachtvolles Pfeifenspiel, das war so gut und einmalig schön, daß wir stehen blieben und nur immer zuhörten. Es tat uns leid, als es verstummte. - Ein Grammophon hatte die französische Feldwache in der Nähe vor uns und das hörten wir sehr oft und hatten auch unser Vergnügen daran.

Unsere Arbeit schritt rüstig vorwärts. Tagsüber holten wir aus dem Walde hinter der Höhe junges Holz, das dann nachts zu Blenden verbaut wurde. Zum Bau von Unterständen holten wir uns nachts Bretter und alles was wir brauchten aus Azannes. Spaß war es nicht, da es oftmals gehörig was auf's Dach gab, daß die Scherben nur so flogen. Aus Azannes holten wir uns auch unsere ganze „Ausstattung“. Kaffeekannen und Tassen, Bestecks, Teller, Tiegel und was sonst ein Feldsoldat an solchen Sachen gebraucht.

Unsere Arbeitszeit wurde noch besser: 24 Stunden in Stellung und 48 Stunden hinten. Nun konnten wir uns wenigstens etwas ausruhen. Spaß hatten wir immer mit der französischen Artillerie. Vormittags Punkt 9 und nachmittags Punkt 3 - man konnte seine Uhr danach stellen - kamen die ersten Granaten über uns weg nach hinten - in die Etappe, wie wir sagten. Das Ziel war meistens die Feme Haut Foureau an unserer Anmarschstraße. Oft ging ein Schuß in den großen See bei dieser Fe., und wir freuten uns immer über die feinen Wasserfontänen, die wir von unserer Höhe aus beobachten konnten. öfter kriegten auch wir vorn einen kleinen Segen, der uns aber nie Verluste beibrachte.

Am 27. Januar wurde ich mit noch anderen Freiwilligen zusammen zum Gefreiten ernannt. Donnerwetter, kam ich mir vor - die erste Stufe zum General war also erstiegen! Die Alten waren neidisch auf uns junge Dachse und schimpften darüber, wir versöhnten uns aber bald wieder. Die erste Zeit hatten wir es überhaupt nicht leicht, wir wurden zu jeder Dreckarbeit herangezogen, während die alten Leute immer besseres oder garnichts machten; na, es war ja auch eigentlich in Ordnung so, und wir haben uns auch nie darüber aufgeregt.

Nun will ich auch mal ein bißchen aus unserem Quartier und dem Leben während der Ruhezeit erzählen. Die Unterkunft der 1. Korporalschaft, bei der ich langes Laster war, bestand aus zwei Zimmern. Vorn, d.h. im ersten, lagen sieben Freiwillige mit einem Gefreiten, unserem braven Menke, und im zweiten lagen die alten Leute, alles nette Kerle, meist Westfalen, darunter ein Unikum, Leinkenjos, Leichenjohannes genannt. Was haben wir mit dem für Theater erlebt - das läßt sich gar nicht alles wiedergeben. Wir haben überhaupt sehr feine Stunden innerhalb der Korporalschaft verlebt.

Wenig schön war die Hundekälte in unserer Bude - bei dem großen Kamin ging die Wärme sofort wieder hinaus, und erst später machten wir das Loch zu und setzten einen eisernen Ofen hin. Anfangs hatten wir wenigstens noch genug Holz, da direkt in unserem Kompaniebereich eine Parkettholzfabrik lag, zu der wir die Posten stellen mußten. Kamen wir nachts aus der Stellung, holte sich erst jeder einen Arm voll, und dann wurde ordentlich angestachelt. An Zudecken war nichts da, wir mußten uns also mit Mantel und Zeltbahn begnügen, und das war nicht sehr viel. Das einzige Gute war noch, daß wir reichlich Stroh bekamen. An den Ruhetagen machten wir es uns hinten so bequem als es irgend ging. Wir buken und brutzelten den ganzen Tag - Fett genug gab es ja, und die Kartoffeln waren nicht weit. Manche Puffer habe ich damals gebacken - ich tat's immer für die ganze Bude, weil es mir Spaß machte. Zuerst gab es noch keine festen Kantinen, da kamen nur die Marketenderwagen der Infanterie und verkauften alle möglichen schönen Sachen. An uns wollten sie aber nichts abgeben, und so blieb uns weiter nichts übrig, als mit der Infanteriemütze auf dem Kopf loszugehen. Anfang Januar kam das erste Bier - alles stürzte sich darauf, und das schmeckte auch aus dem Kochgeschirr ausgezeichnet.

Damals war es auch, als wir die meisten Läuse hatten, es war uns trotz unserer größten Anstrengungen nicht möglich, die Biester loszuwerden. Erst später, als wir im Freien baden konnten, wurde es besser.

Bis Anfang März bauten wir am Cap de Bonne Esperance Unterstände und Gräben. Das Material wurde wieder aus Azannes geholt. Wenn ich damals gewußt hätte, daß wir 16 nochmal dorthin ins Quartier kommen sollten! Auf dem Kap war es sonst prachtvoll, fast gar keine Feuertätigkeit. Eines Nachts griff der Franzmann mal an, es war aber nichts besonderes.

Unser Mangiennes verließen wir Mitte März, da der Franz anfing, hineinzuschießen. Unser Divisions-Stab zog nach St. Laurent - etwa eine Stunde hinter Mangiennes, und unsere Kompanie mußte mit. Wir hattes ja nun weiter in Stellung, wurden aber durch die feine Lage des Dorfes reichlich dafür entschädigt. Von der Front sah und hörte man nichts mehr, und das Dorf selbst war so nett und freundlich, daß wir uns bald heimisch fühlten.

Im Tal neben dem Dorf floß ein kleiner Bach - Othaine -, der zwei Mühlen trieb. Auf der andern Seite stieg das Gelände wieder an und bot mit seinem Gärtchen einen sehr netten Anblick - wie oft sind wir dort hinauf gezogen und haben gesungen und gespielt. Der Frühling kam nun auch, und wir lebten alle richtig auf nach dem kalten, häßlichen Regenwinter.

In St. Laurent lag auch noch eine Kompanie von 20er Pionieren, mit deren Einjährigen wir uns auch bald anfreundeten. Es waren mehrere W.V. [Wandervögel] dabei, und nun machten wir selbst eine Ortsgruppe auf - die erste Feld-Ortsgruppe. Führer war unser Lamm, unser alter Glogauer Führer, der mit bei meiner Kompanie war. Da er infolge seiner guten Französischkenntnisse die rechte Hand unseres Kompanieführers war, der auch die Ortskommandantur-Geschäfte hatte, wurden wir bei den Franzosen sehr gut eingeführt, und diese erfüllten uns jeden Wunsch. Wir bekamen Milch und andere schöne Sachen, einmal sogar Schnecken, die mir prachtvoll schmeckten. Wir brauchten nun nicht mehr selbst zu backen, das bekamen wir alles gemacht. - Ich kann jetzt ganz ruhig sagen, daß in St. Laurent, was Kameradschaft und sonstiges Leben anbetrifft, die Schönste Frontzeit war.

In Stellung wurden wir immer noch gefahren. Als wir auf dem Kap soweit fertig waren, bauten wir vor Ville Davant Chaumort Laufgräben. Lange blieben wir aber nicht dort, wir kamen wieder in eine etwas windigere Ecke nach Höhe 310 und 307, uns allen hinreichend bekannt. Hier gab's wieder anstrengende Arbeit: Wir mußten bergmännische Stollen bauen - eine Arbeit, die ich bis dahin noch nicht kannte. Da wir sehr viele Bergleute in der Kompanie hatten, kamen wir Freiwilligen garnicht zum ........[unleserlich], wir hatten nur Holz herauszuholen. Hinten im Walde mußte so manche schlanke Eiche und Buche daran glauben, die wir unten gleich zuschnitten und auf die Höhe schleppten. Einen Stengel von ca. 1,90 m Länge und 20 cm Stärke mußte immer ein Mann tragen, und das frische Holz war nicht von Pappe, wir spürten unsere Schultern ganz ordentlich. Auf Höhe 310 ging's noch, aber bei 307 war's eine Schinderei. Da hieß es eine ganz gemeine, hohe Treppe hinaufkraxeln, und dabei 4 - 5 m lange Kappen hinaufschleppen. Das einzige gute war, daß wir immer uneingesehen waren und so wenigstens mit etwas Ruhe arbeiten konnten. Manchmal funkte der Franzmann allerdings ganz gemein im Gelände herum, und die „schleichende“ Marie und der „leise Max“ - 28 cm Granaten um die Forts - waren wenig beliebt.

Später wurde es noch unangenehmer. Die Franzosen schossen viel mit amerikanischer Munition, die fast keine Blindgänger hatte, während wir in der ersten Zeit manchmal bei 30 Schuß 25 Stück zählten, was uns sehr lieb war. Mit einer ganz gemeinen Sorte von Schrapnells wurden wir auch oft beehrt. Ich entsinne mich noch eines sehr drolligen Zwischenfalls von damals. Wir bauten gerade an einer Förderbahn auf Höhe 310, als es auch wieder mal so gemein schoß. Auf unsere Ecke kam weniger, aber unmittelbar hinter der Höhe kam sehr viel, an dieser Seite war auch eine Stange, die jeder Feldsoldat kannte, und auf dieser saßen zwei Infanteristen froh vereint. Plötzlich kam so ein dicker Brocken angeheult, beide duckten sich, verloren das Gleichgewicht, und gleichzeitig mit dem Einschlag verschwanden die beiden im Loch unter der Stange. Es war wie in einer Schießbude - für die Beteiligten wohl etwas weniger erfreulich.

Am 1. Mai durfte ich mir die Tressen annähen, ich kriegte dann auch einen eigenen Bautrupp in Stellung, und brauchte nun selbst nicht mehr so feste mitzuschuften. Wir waren meist vorn in der ersten und zweiten Linie mit dem Bau von Unterständen beschäftigt. Eine feine Aussicht hatte wir von dort über das ganze Fortgelände. Unter uns lag das Dorf Ornes mit der Mühle am Bach. Dahinter Fort Hardonwertt und [unleserlich], die ich später noch zur Genüge kennen lernte.

In den letzten Maitagen hörten wir, daß die Einjährigen alle zu einem Offiziers-Kursus nach Deutschland sollten; ob wir auch das Glück haben werden? Und wir hatten's auch - am 2. Juni rückten wir zu 10 Mann nach [unleserlich] ab. Hinter St. Laurent auf der Höhe machten wir noch einmal Rast, blickten noch mal zurück und gedachten der schönen Tage, der frohen W.V.[Wandervogel-]-Zeit, die uns die Liffars-Mädl so verschönt haben. Sie hatten uns Bilder, Hansl und andere Bücher geschickt, sodaß wir uns ein feines Nest einrichten konnten. Wir hatten unser Dörfel lieb gewonnen und riefen: Auf Wiedersehen.

Bei Noel, einem vollkommen ausgebrannten Dorfe kurz vor [unleserlich] machten wir Mittagspause. Um [unleserlich] 9ºº nachmittags ging unser Zug ab - der Heimat zu. Wie freuten wir uns, als wir die ersten deutschen Mädel sprachen! Und dann die prachtvolle Fahrt durch Nahe- und Maintal nach Leipzig. Hier kamen wir am frühen Morgen an und beschlossen, einen Tag zu bleiben. Zum Frühstück wollten wir gern Semmeln essen. Brotmarken? Nein. Aber einige Gäste halfen uns gern damit aus.

Frisch gewaschen und gebügelt stürmten wir dann los und besahen uns die Stadt. Auch das Völkerschlachtdenkmal bewunderten wir. Den Riesenbetrieb der Großstadt waren wir garnicht mehr gewöhnt, jeder sah sich immer scheu um, daß er auch nicht überfahren würde. Gegen Mittag war auch das telegraphisch beorderte Geld da, und dann gab's noch einen vergnügten Nachmittag.

Den nächsten Morgen ging's dann weiter und gegen mittag kamen wir in unserem alten Glogau an. Nach der Meldung beim Bataillon ging ich nach hause, wo sich alle über meine unerwartete Ankunft freuten.

Die Zeit des Kursusses, den Papa Braune leitete, verging sehr schnell, Ich war dem 1. ....Depot zugeteilt und hatte dort am Vormittage Kompanie-Dienst. Nur nachmittags hatten wir einige Stunden theoretischen Unterricht. Der Dienst im 1. Depot, das Hpt. Bagemühl führte, war sehr stramm. Meist ging's um ½6 schon raus, und dann bis Mittag in der Sonnenhitze. Es kam oft vor, daß einer von uns beim Unterricht einschlief. Ich hatte die 10. Korporalschaft und lernte so auch den Innenbetrieb ganz gut kenne.

Nach Kursusschluß am 14. Juli wurde ich Vize-Feldwebel - das Laufen mit dem langen Spieß wollte auch gelernt sein. Des Garnisonsbetriebs satt bat ich meinen Kompanieführer, mich bald wieder hinauszuschicken und am 21. ging's dann auch wieder zur alten Kompanie zurück, die inzwischen in eine andere Stellung gekommen war. Sie hatte ein wunderbares Waldquartier im Bois de Gr... [unleserlich], von uns „Koniferenwald“ genannt.

Wieder ging die Fahrt durch unser schönes Deutschland, und dann über Lougnye-Montmédy zu unserem Bataillons-Kommando. Herr Major Kordgien, den ich dann später beim Grenzschutz in R... [unleserlich] noch näher kennen lernte. Von Garney ging's zu Fuß nach Sivry s. M., es war ein wunderbarer Marsch über die Berge. Am nächsten Morgen zogen wir dann hinauf ins Lager. Die Kompanie war in Wellblechbracken untergebracht, und ich richtete mich auch bald häuslich ein.

Als Offiziersaspirant nahm ich am Offiziers-Mittagstisch teil, und ich werde diese feine Zeit mit ihren lieben, netten Herren nicht vergessen. Führer war immer noch Hptm. Goy, dann waren da Obltn. [Oberstleutnant] Lüttge, Leutnant Stamm, Leutnant Hotzel, und Feldw. Matthäus. Wir haben uns später noch oftmals getroffen. Im Laufe der Zeit bauten wir uns ein feines Kasino, und wenn wir nicht in Stellung waren, saßen wir immer alle zusammen. Ob man wohl noch einmal „Kupferberg Gold“ für 3.50 die Flasche bekommen wird?

Der Weg in die Stellung war nur ½ Stunde lang und ich wundere mich heute noch, daß uns der Franzmann damals so in Ruhe ließ. Vorn eingesetzt I.R. 37, und links anschließend die 5. Res. Jäger, in deren Abschnitt ich zu tun hatte. Wir bauten damals Hochstollen, um etwa feindlichen Minenarbeiten zuvorkommen zu können. Sonst war es ziemlch ruhig - nur die [unleserlich] ...kanonen ärgerten uns manchmal und brachten uns auch Verluste bei. Mit den Jägeroffizieren zusammen saß ich abends oft vorne am Graben, und wir unterhielten uns mit den Franzosen. Alle Einzelheiten zu wiederholen, würde zu weit führen.

Die schönste Zeit dauerte leider nicht allzulange; unsere Kompanie mußte zwei Vizefeldwebel nach Glogau abgeben, und dabei war auch ich.

In den ersten Septembertagen war ich wieder zuhause, und nun ging der Kasernendrill wieder los. Ich kam zum 4. Rekr. Depot und hatte einen famosen Kompanieführer: Leutnant Fiebach. Der Dienst wurde wie immer stramm gehandhabt; das schönste, worauf wir uns alle immer freuten, waren die wöchentlichen übungsmärsche. Da ritt ich meist mit Leutnant Fiebach vorneweg in irgendeine Kneipe und bestellte dort für die ganze Kompanie Kaffee oder sonst etwas. Was wir an Zeit dadurch verloren, wurde durch einen Marsch „auf der Karte“ wieder eingeholt.

Vom November ab nahm ich auch in Glogau am Offiziers-Mittagstisch teil, verkehrte im Kasino und wurde dann auch bald gewählt. Am 18. Dezember wurde ich zum Leutnant d. Res. befördert. Ich wußte allerdings an diesem Tage noch nichts davon, sondern erfuhr es erst nach den Feiertagen. Ich weiß, so ganz froh war ich am Fest nicht, ich hatte mich schon zu sehr darauf gefreut, an diesen Tagen meine neue Uniform tragen zu können. Umso größer war die Freude, als ich am zweiten Feiertag abends meine Beförderung in der Zeitung las.

Mein Wunsch, in die Türkei zu kommen, wurde nicht erfüllt, obgleich ich nach sorgfältiger Untersuchung als tropendienstfähig befunden worden war. Ich wollte nun aber gerne wieder ins Feld, und es wurde. Das Bataillon schickte mich zurück zur M.W.-Schule nach Unterlüß, und nach dort bekam ich vom Pi. Batl. 17 einen Minenwerferzug. .........





→1916