←1917



Am 18. Januar (1918) ist mein Urlaub vorbei. Nach feuchtfröhlichem Abschied gehts wieder der Front zu. In Saarbrücken bekommen wir Fliegerbesuch, deren Bomben uns aber nichts tun.

Am 20. Januar abends bin ich in Montmedy, zur Kompanie komme ich nicht mehr, und so bleibe ich dort über Nacht. Am andern Morgen fahre ich mit der Kleinbahn bis Romagne s. l. [unleserlich] und komme gegen 3ºº Nachmittag in unserem Waldlager (Mönchholzlager) zwischen Romagne und Mangiennes an. Auf der nassen Wiese versinke ich immer bis über die Schuhe im Lehmdreck. Genau dieselbe Schweinerei wie 70. Unser Lager ist ja nicht gerade allzuschön, aber es geht so einigermaßen. Ich wohne in einer Holzbude, die unser Kasino und 6 Offiziers-Quartiere enthält. Mein Zimmer ist klein, aber groß genug, und verwöhnt sind wir ja in dieser Beziehung wirklich nicht. Im Kasino haben wir sogar ein Klavier, und gleich am ersten Abend gibts ein feines Konzert, Leutnant Gätjens spielt, und ein Bursche geigt dazu. Wir haben wieder Zuwachs bekommen: 1 neuer Train.-Offizier, Leutnant Holtz.

Am 22. gehe ich mit Gätjens und Holtz an der Feldbahnstrecke entlang nach meinem alten Mangiennes, wo ich ja 14/15 als Pionier gelegen habe. Am Eingange [unleserlich] des Dorfes ist die Sägemühle, wo wir immer unser Brennholz klauten, in vollem Betriebe. Mein altes Quartier steht nicht mehr - jedenfalls wurde es damals zerschossen, und die Steine als Straßenschüttung benutzt. Schade, ich hätte gern mal gesehen, wie es jetzt darin aussieht. Sonst ist das Dorf fast unverändert, nur viel mehr Leben als damals. Der Kirchturm, auf dem ich damals so oft gesessen habe, ist anscheinend gesprengt worden. Im Offiziersheim, ehemals Kantine, trinken wir noch einen guten Burgunder, kaufen noch ewas in der Feldbuchhandlung, und gehen dann auf kürzestem Wege in unser Lager. Im Wald ists aber derartig naß, daß wir fast nicht durchkommen. Außerdem verlaufen wir uns auch noch etwas, und kommen dann naß und müde an. Es fängt an zu regnen. Abends gibts wieder Konzert. Das Regenwetter hält an.

Den 24. frühzeitig gehts in Stellung - bis Romagne am Feldbahngleis entlang, und dann mit dem Wagen weiter. R. ist vollkommen zerschossen, nur die Mauerreste stehen noch und der Kirchturm. 1916 war er fast noch vollständig erhalten. - Ich fahre bei Azannes vorbei, bis auf das Kap der guten Hoffnung (Cap de bonne esperance) auch von 1915 her bekannt, und dann die berüchtigte Kapstraße - Kegelbahn genannt - weiter. Sie wird aber bald so schlecht, daß ich zu Fuß weiter gehen muß.

Die jetzt noch auf der Straße liegenden Pferdegerippe erinnern an die schweren Kämpfe von 1916. Es ist ja auch beinahe ein Granatloch neben dem andern, nicht nur auf der Straße, sondern überall. Endlich komme ich in meinem Bunker in der „Drecksschlucht“ an. Sie verdient ihren Namen auch mit Recht, denn von dem Regen ist der Boden derart aufgeweicht, daß man kaum vorwärts kommt. Unsere Stellung ist am Hange, es sind schwere und mittlere Werfer eingebaut. Meine Behausung ist ein tiefer Stollen, nur 1,20 breit und nicht mal so hoch, daß man aufrecht darin stehen kann. Dazu qualmt der Ofen noch derartig, daß mir fortwährend die Augen laufen. Durch Umbau wirds dann etwas besser. Mein „Bett“ ist ein mit grobem Maschendraht bespanntes Holzgestell, auf dem es sich aber ganz gut liegt. Nachmittags ist ziemlich heftiges Feuer, trotz des trüben Wetters.

Am 25. ist feiner Sonnenschein, da schießts noch mehr. Ich lese Paul Kellers „Waldwinter“, den ich mir vom Urlaub mitgebracht habe. Die Kompanie hat ja auch eine große Bibliothek. Wir kriegten einmal von der Rh. Metallwaren-Fabrik Ehrhardt 2 große Kisten Reklamehefte, die uns über manche langweilige Stunde hinwegbrachten.

Sonnabend 26. Januar starker Nebel. Ich gehe nach der Andreas-Schlucht, um dort einige neue Stellen festzulegen. Der Franz. ist ruhig.

27. Januar. Von Kaisers Geburtstag merken wir hiervon nichts. Ich gehe wieder im dicken Nebel nach der Andreas-Schlucht und besuche den Offizier unseres anderen Abschnitts in der „Küchenschlucht“ am Wawille-Wald. Am nächsten Morgen kommt Ablösung. Durch die Andreas-Schlucht und Herbebois-Schlucht gehe ich auf die Kegelbahn, wo der Wagen wartet, der mich bis Romagne bringt. Abends gibts Konzert, wir trinken einen feinen Punsch.

Bis einschließlich 31. Januar bleibe ich hinten. Bei dem dicken Nebel macht das Spazierengehen auch keinen Spaß. Wir spielen viel Doppelkopp und erfreuen uns abends am Klavierspiel.

Am 31. abends trinke ich zur Feier des zweijährigen Bestehens der Kompanie eine Flasche Sekt. Von allen, die damals in Siereny zur Kompanie 214 zusammengestellt wurden, bin ich der einzige Offizier, außerdem sind noch etwa 60 Leute da, einschließlich aller Burschen und [unleserlich] Kommandierten. Wenn man die abrechnet, bleiben höchstens nur 30 Mann übrig, die vorn alles mitgemacht haben, und von denen auch schon mancher mindestens 1 Mal verwundet waren.

In der Frühe des 1. Februar gehts wieder in Stellung; ich begleite noch Leutnant Fritz in die „Küchenschlucht“ und zu den Werfern im Wawille-Wald, und gehe dann durch die Andreas- nach der „Drecksschlucht.“

Am 2. Nachmittag besucht mich unser Doktor - beim Erzählen vergeht die Zeit doch schneller, als allein. Den nächsten Morgen hole ich Leutnant Koch aus der Küchenschlucht ab, um einen Spaziergang nach vorn zu machen. Da der Nebel noch anhält, können wir überall herumlaufen. Das Gelände ist ganz furchtbar zerwühlt, und jetzt liegen noch eine Menge Toter herum. Vom Dorfe Beaumont ist nichts mehr zu sehen, man könnte nur aus Steinen, über die man hin und wieder stolpert, schließen, daß hier mal das Dorf gestanden hat. Müde von dem Rumlaufen in dem zerschossenen Gelände komme ich zum Essen wieder in der Dreckschlucht an. Vor mir, in der Grues-Schlucht, ist ziemlich heftiges Feuer. Nachmittags habe ich wieder Besuch, den Doktor und Leutnant Brand von der 1. Res. Pi. 10.

Montag, 4. Februar ist endlich mal wieder klares Wetter. Am frühen Morgen ist sehr heftiges Artilleriefeuer; die rechte Nachbardivision macht ein Unternehmen und holt 30 Gefangene. Wir selbst schießen in dieser Stellung nicht, sind nur Sturmabwehr. Im Laufe des Vormittags gehe ich zum Pi. Pack. [unleserlich] Bergquelle, um mal zu sehen, was es dort alles gibt. Vor mir liegen die Höhen 310 und 307 - alte Bekannte von 14/15.

Am 5. Februar früh kommt mich Leutnant Stendebach ablösen. Es ist schönes Wetter, und nach Besuch unseres Doktors in der Herbebois-Schlucht gehe ich zu Fuß ins Lager zurück. Abends sitzen wir bei Musik im Kasino zusammen. An den nächsten Tagen regnets wieder, ich verbringe die Zeit mit Lesen und Schreiben.

9. Februar wieder nach vorn, es ist trübe. Montag kommen 2 neue mittlere Werfer nach vorn, die eingebaut werden. Ich laufe viel herum - Küchenschlucht - Andreasschlucht.

Am 14. Februar löst mich Nedden ab. Er ist eben vom Urlaub gekommen und erzählt mir von Deutschland. Unser Wagen steht bei Bergquelle, so fahre ich bei 310 vorbei, über Gremilly, Azannes ins Lager. Wir haben schönes Wetter. Leutnant Wahl, der wieder hergestellt zur Kompanie zurückgekommen ist, will sich Nachmittag in Saint Laurent beim Bataillon melden. Ich reite mit. Von unserm Lager aus geht nur ein vollkommen verschlammter Weg an der Bahn entlang bis Villes, und den zu reiten, ist kein Vergnügen. Kurz vor dem Dorfe verliert mein Pferd ein Eisen, das aber beim Pferde-Lazarett, wo unser Veterinär zur Zeit ist, gleich wieder ersetzt wird. Saint-Laurent, mein liebes altes Quartier mit seinen feinen Erinnerungen von 1915, ist unverändert. Nach Meldung beim Bataillon und kurzer Rast im Offiziersheim reiten wir wieder nachhause. Die nächsten Tage bringen schönes kaltes Wetter.

Sonntag, 17. Februar feiern wir bei Glühwein Doktors Geburtstag. Es ist kalt und klar, wir hören die französischen Flieger über uns hinweg in die Etappe fahren.

Montag früh fahre ich wieder in Stellung. Es hat tüchtig gefroren, so läufts sich fein. Die Artillerietätigkeit hat zugenommen. Vom 19. früh ab ist Großkampf befohlen. Wir warten der Dinge, die da kommen sollen. Das schöne Wetter hält an, infolgedessen ist auch ein ordentlicher Fliegerbetrieb.

Donnerstag 21. Februar werde ich abgelöst. Es ist Tauwetter eingetreten, und so sind die Wege gleich wieder furchtbar aufgeweicht. Bald bin ich hinten. An den folgenden Tagen regnets immerzu. Sonntag Abend gibts wiedermal einen anständigen Doppelkopf und Konzert.

Montag 25. Februar gehts bei Regenwetter nach vorn. Dienstag ists wieder schön. Von meinem Unterstand aus sehe ich über Höhe 307 hinweg die Hochöfen von Brieg. Es muß doch den Franzmann furchtbar ärgern, wenn er sieht, wie wir seine Betriebe ausnützen.

Mittwoch und Donnerstag regnets wieder. Franzmann schießt ziemlich viel mit seinen Kohlenkästen in der Gegend herum (15,5 cm Granaten). Besonders den Wawille-Wald nimmt er sich gern vor, aber auch zu uns kommen einige.

Am Freitag, 1. März bringt mir der ablösende Nedden die Nachricht mit, daß ich jedenfalls zur Minenwerferschule der 5. Armee nach Réhon bei Longwy kommandiert würde. Das wäre ja sehr fein. Von den früher dort gewesenen Offizieren habe ich schon ganz nette Sachen von dort gehört. Froh mache ich mich auf den Heimweg, kriege aber im Herbebois noch ganz gemeines Feuer, sodaß ich Laufschrtt machen muß. Doch gut im Lager angekommen, bestätigt sich diese Mitteilung. Am Montag soll ich fahren.

Sonntag packe ich meine Sachen zusammen, und Montag früh fahre ich bei anhaltendem Regen mit einigen Leuten der Kompanie mit der Kleinbahn bis Haudeville-Feme. Im offenen Wagen wenig schön! Von hier gehts in einem geheizten Lazarettzug-Wagen weiter bis Longuyon, wo wir mittags eintreffen. Hier ist ziemlich langer Aufenthalt, und so gehe ich ins Offiziersheim, wo ich den vom R. 7. R. 78 ebenfalls dorthin kommandierten Leutnant Oetcke [unleserlich] treffe. Wir trinken einige Glas Bier und machen uns wieder auf den Weg zum Bahnhof. Bald geht es weiter, und wir kommen gerade noch vor Dunkelwerden in Rehon an. Nach Meldung auf dem Geschäftszimmer gehe ich mein Quartier suchen, das ich dann endlich auch finde. Ich wohne Waldstr. 6. Mein Zimmer ist tadellos, das Bett ausgezeichnet, wohl eines der besten Quartiere, die ich bis jetzt hatte. Abends sitze ich mit Leutnant Oetcke noch in unserem Kasino bei einer guten Flasche Burgunder.

Dienstag, 5. März, 10ºº Vormittag ist Antreten. Oberstleutnant Fleck, der Leiter der Schule, begrüßt uns, und dann sind wir entlassen. Wir sind 11 Offiziere von richtigen Minenwerferkompanien und 11 Offiziere von den Minenwerfer-Abteilungen der Infanterie. Den Kasinobetrieb müssen wir uns selbständig einrichten. Das Essen ist ganz gut. Nachmittag gehe ich mit Leutnant Oetcke nach der Festung Longwy-Haut. Sie ist alt und im Jahre 1859 so gebaut worden, wie sie jetzt ist; konnte also 1914 gar keinen ernstlichen Widerstand bieten. 2 Wallgräben umgeben die Stadt Longwy-Abant, die 1914 völlig zerstört wurde. Von oben hat man einen wundervollen Blick auf das Tal, in dem sich ein Ort an den anderen reiht. Überall sieht man Hochöfen, die teilweise noch in Betrieb, teils von uns abgebaut werden. Unter uns liegt Longwy, die eigentliche Stadt. Auf einem sehr steilen Wege gehen wir hinunter. Hier ist aber ein ordentlicher Betrieb! Die Zivilbevölkerung ist ja auch noch vollkommen da. Im Offiziersheim trinken wir Kaffee und gehen dann nach Réhon zurück. Abends sitzen wir noch längere Zeit im Kasino zusammen. Obwohl von den 22 Herren sich vorher höchstens 2 gekannt haben, kommt bald die schönste Stimmung auf!

Mittwoch 6. März ist der erste Dienst. Vormittags Werfer- und nachmittags z. W. Telefondienst. Der Übungsplatz ist etwa ºº Stunde von Réhon entfernt an der Straße nach Chemieres. Es ist ziemlich frisch oben auf der Höhe, aber Sonnenschein. Nach dem Abendessen geht alles in den Kintopp - Programm mäßig. Einige deutsche Mädel sind auch da, von denen mir die eine ganz gut gefällt. Leider kann ich sie nicht sprechen.

Donnerstag wieder Vormittag und Nachmittag Dienst, der uns bei dem schönen Wetter Spaß macht. Mittags besprechen wir die Möglichkeit eines Tanzabends mit den Helferinnen, die in Réhon. Wir wollen sie für Freitag abend einladen und hoffen, daß Folge geleistet wird. Nach dem Dienst gehen wir wieder mal nach Longwy. Das Offiziersheim ist sehr nett eingerichtet, der Kaffee ist sehr gut, noch besser das Schinkenbrot für 3,- Mark. Der Freitag vergeht mit dem üblichen Dienst, und nach dem Abendessen erscheinen auch die Damen. Mein blondes Glück, das mir im Kino schon aufgefallen war, ist auch dabei. Na, dann mal gleich ran! Sie heißt Minchen, ist aus Wiesbaden verlobt unterhält sich aber ganz gut. Getanzt wird auch tüchtig; es macht nur auf dem stumpfen Boden nicht allzuviel Spaß. Das wegen Fliegergefahr verlöschte elektrische Licht wird durch Kerzen ersetzt und weiter getanzt. Draußen schießts tüchtig, fast schlimmer als an der Front. Bis nach 2ºº bleiben wir zusammen, und ich muß sagen, daß mir dieser Abend famos gefallen hat und daß wir uns alle blendend amüsiert haben.

Die übrige Zeit in Réhon vergeht leider zu rasch. Das schöne Wetter bleibt, mit Ausnahmen von 2 Regentagen. Der Dienst strengt nicht allzusehr an, und so bleibt viel Zeit zum Spazierengehen, die auch ordentlich ausgenützt wird. Fast jeden Abend bin ich mit Minchen zusammen.

Am 14. März haben wir zu 4. und 4 einen sehr feinen Abend in Longwy im [unleserlich] Hohl de Cemesse. Wir essen erst sehr gut, nachher wird getanzt. Klavierspieler und Geiger sind sehr gut, der Fußboden schön glatt. Der schönste Abend in der ganzen Réhoner Zeit. Die französischen Flieger, die wieder da sind, stören uns wenig.

Am 16. März verlassen uns die Infanterieoffiziere, und so machen wir vorher einen famosen Abschieds-Abend, an dem wir sehr gut essen und ziemlich viel trinken. Sonntag Vormittag sind wir in Longwy zum Platzkonzert, bei dem ein mächtiger Betrieb ist. Dem Auge bietet sich ein buntes Bild. Feldgraue, Zivilisten, Deutsche und französische Mädchen, die teils schon in ihren Sommerkleidern erscheinen. Freitag den 22. ist noch ein Tanzabend, fast will keine so rechte Stimmung aufkommen, aber nachher wirds doch noch recht gemütlich. - Die erste Nachricht von unserer großen Offensive kommt zu uns, über deren Erfolg wir uns tüchtig freuen. - Ein Scharfschießen findet ebenfalls statt - mittlere und schwere Werfer. Die Schüsse liegen ausgezeichnet, sodaß vom Drahthindernis nicht mehr viel übrig bliebt. Es ist erstaunlich, wie groß die Trichter von den langen [unleserlich] schweren Minen werden. 8 m Durchmesser und 4 - 6 m tief. Ich möchte keine auf meinen Bunker haben. Die letzte Woche in Réhon haben wir nur noch sehr wenig Dienst. Etwas Meßdienst und Vorträge über Gas und Ballistik, die recht interessant sind.

Am 25. März schießen wir mit leichtem Werfer mit der neuen Flachbahnlafette. Die Schüsse liegen trotz des Windes sehr gut. Es macht direkt Spaß mit der kleinen Kanone zu schießen.

Mittwoch 27. März, feiere ich mit Minchen in Commeneve [unleserlich] meinen Abschied. Das Essen und der Burgunder sind ausgezeichnet. Leider müssen wir schon so bald wieder aufbrechen. Am anderen Morgen muß ich von Réhon weg, es geht schon zeitig raus - 6¹⁵ soll unser Zug gehen. Er kommt aber erst viel später, sodaß wir erst gegen 9ºº in Longuyon sind. Hier siehts böse aus - der Bahnhof ist infolge Explosion eines Munitionszuges durch Bombentreffer hervorgerufen völlig zerstört worden, nur die Mauern stehen noch. Es soll ziemliche Verluste gekostet haben. Da wir noch nicht gleich weiterfahren, gehen wir erst mal in die Stadt und sehen hier überall Spuren der gewaltigen Explosion. Unser Zug bringt uns weiter nach Spinvoust [unleserlich], wieder langer Aufenthalt. Ich gehe ins Offiziersheim und bestelle mir telefonisch den Wagen nach Billy. Hier treffen wir gegen 2³º Nachmittag ein und warten auf unser Fahrzeug, das nicht kommt. Ein vorüberfahrender Artillerie-Jagdwagen nimmt mich bis Mangiennes mit, und von dort gehe ich hinunter ins Lager. - Nach vorn brauche ich nicht mehr zu gehen, da die Division herausgezogen werden soll.

Am Karfreitage 29. März regnet's, wir packen, abends sitzen wir im Kasino zusammen und feiern mit Musik unsern Abschied, der uns nicht schwer wird.

Am 30. März früh 8³º marschieren wir ab. Es ist trübe und ziemlich frisch. Der Weg geht über Mangiennes Pillon-Arrancy nach Hau devant Pienepont, wo wir Quartier beziehen. Eben angekommen, fängt es tüchtig an zu gießen. Meine Bude ist ganz gut, aber lange nicht so schön, wie in Réhon; der Ofen qualmt tüchtig, aber dem ist ja abzuhelfen.

Am Ostersonntag gehen wir bei trübem Wetter nach Pienepont in den Kintopp. Pienepont ist ein größeres Dorf und liegt landschaftlich sehr schön. Unser Kaff bietet nichts besonderes, besonders wenn es regnet. Das schlechte Wetter hält in den folgenden Tagen an. Ich habe meist Werferdienst, der auf Bewegungskrieg zugeschnitten ist. Mit unserer schlechten Bespannung wird nie etwas rechtes dabei herauskommen, außerdem spielt ja der Munitionsersatz bei dem mittleren Kaliber eine zu große Rolle. Hin und wieder gehen wir nach Pienepont in den Kintopp, der nicht viel taugt, oder wir reiten spazieren. Von der Höhe südlich Han d. P. haben wir einen guten Blick über die ganze Gegend. Nach Südsüdwesten auf Donamont und Vanse, wo wir ganz deutlich die Einschläge erkennen. Im Nordwesten sehe ich die Kirche von Lesoy [unleserlich], die [man] auch auf dem Réhoner Übungsplatz dauernd vor Augen hatte.

Mittwoch 10. April ist kein Dienst, wir sollen bald wegkommen. Unser Bataillonskommandeur Hauptmann Senftleben hält am Morgen eine dicke Ansprache an das versammelte Bataillon, in der er uns auf die zu erwartenden schweren Tage hinweist. Donnerstag wird gepackt, und 10ºº abends marschieren wir ab nach Arrancy, wo wir verladen. Wir sind eben mit den Fahrzeugen fertig, da kommt ein gehöriger Platzregen, der uns ordentlich naß macht.

Am 12. April 3ºº Vormittag fahren wir ab über Sedan, Charleville, Hirson, Anor (Verpflg.), Aulnoye, Aresnes, Gent (11ºº nachts warme Verpflg.) nach Wynendaele, wo wir am 13. April 5ºº morgens ausladen. Nach langem Suchen finden wir endlich in der Nähe von Thohout die uns angeweisenen Quartiere, die herzlich schlecht sind. Nachmittags gehen wir in die naheliegende Stadt, etwas besonderes ist nicht da, sie zeichnet sich, wie alle flandrischen Städte durch ziemliche Sauberkeit aus. Im Offiziersheim gibts für 0.40 Mk ein gutes Käsebrot, und das Bier ist auch nicht schlecht.

Am 15. April Vormittag wird exerziert, es ist trübes unfreundliches Wetter. Nachmittags sehen wir uns die Kirche in Torhout an. Vom Turm aus haben wir einen schönen Rundblick. Das Auffallende sind die schnurgeraden Straßen, die sich strahlenförmig von der Stadt nach allen Richtungen führen.

Dienstag 16. heißts packen. Ganz wenig darf nur mitgenommen werden, und das andere wird abgegeben. Es heißt, die Engländer an der Front bei Disennide hätten sich auf den Druck um Bailtent hin zurückgezogen, und wir sollten nachstoßen. Das wäre ja fein - den öden Stellungskrieg haben wir alle über! Am Abend trinken wir noch einige gute Flaschen Samos - wer weiß was kommt.

Am Mittwoch 17. April 4³º Vormittag rücken wir im Stockdunkeln ab. Da unser Bespannungs-Offizier krank ist, muß ich die Bagage nachführen. Wir marschieren über Torhout, Staaden, das arg beschossen ist, denn es liegt ziemlich nahe der alten Front, nach Stagkot, einem kleinen Ort, wo wir gegen 10ºº Vormittag ankommen, und auf weiteren Befehl warten sollen. Hier ists recht interessant; es schießt viel in der Gegend herum; ganz in der Nähe stehen einige große Eisenbahngeschütze, denen wir beim Schießen zuschauen. Gegen 4ºº Nachmittag rücken wir weiter über Staadenberg nach Staadendreef, unmittelbar hinter der alten Front. Da die Straße voll Kolonnen steht, kommen wir nur langsam vorwärts. Zu allem Überfluß liegt sie auch noch unter Feuer, was den Aufenthalt auf derselben nicht gerade angenehm macht. 6ºº Nachmittag sind wir endlich in Staadendreef, von dem nur der Name noch existiert! Die Häuser sind dem Erdboden gleich gemacht. Wir finden einen kleinen Betonbunker, in dem wir zu 8 Offizieren schlafen. Unsere Leute sind in einer alten Batterie-Stellung unter gekommen. Es ist ziemlich kalt. Der Engländer ist an diesem Tage bis zum Steenbach zurückgedrängt worden, funkt jetzt planlos in der Gegend herum, auch in unsere Nähe kommen einige Granaten. Den nächsten Tag regnets, der Wind ist eisig. Wir gehen nach dem Schloß, das von einem breiten Wassergraben umgeben, mal sehr schön gewesen sein mag. Jetzt ists vollkommen zerstört. Nachmittags spielen wir einen Doppelkopp. Um 6³º nachmittags heißts wieder abrücken. Einige sehr dichte Granaten bringen unsere Feldküche in Galopp. Wir ziehen über Westrosebeke, Ostrienkerek [unleserlich] nach De Ruiter; hier kommen wir gegen 9ºº abends bei schönem Mondschein an und beziehen Quartier. Es ist tüchtig kalt.

Am nächsten Morgen gehts 9ºº im stärksten Schneegestöber weiter über Rombeke nach Onkene. Hier kriege ich in der Klosterschule ein sehr feines Quartier. Die Sonne scheint wieder. Sonnabend Nachmittag gehen wir nach Iseghem ins Offiziers-Kaffee zum Konzert. Feinen Kuchen gibts, aber verdammt teuer. Nachher trinken wir im Kasino noch ein Glas Bier und wandern dann nachhause.

Am 21. früh ziehen wir wieder los über Ledeghem, Klephiek, Menin nach Basse-Flandre, wo wir Quartier beziehen. Klephoek, in dem wir September 17 gelegen haben, ist ziemlich stark mitgenommen, nur die Mauern stehen noch. In Menin siehts auch nicht besser aus. Unser neues Quartier ist recht mäßig. Wir liegen zu 2 in einem Bett und einer auf der Erde. Gegen Abend gehen wir mal nach Busbeque, das ganz in der Nähe liegt. Wir freuen uns unseren alten Doktor zu treffen.

Am Montag Nachmittag sind wir in Halnin. Im Offizierskasino gibts nur einen sehr teuren Schnaps. Nachher treffe ich noch einen lieben alten Freund vom Glogauer Bataillon, Leutnant Caesar. Er ladet mich zum Abendessen ein, und nachher begleitet er mich noch fast bis nachhause.

Den nächsten Morgen fahren wir Offiziere alle mit dem Packwagen nach vorn. In der erst vor einigen Tagen genommenen englischen Stellung liegen noch viele Tote herum. Von Messines aus betrachten wir uns das Vorgelände. Das feindliche Feuer ist verhältnismäßig schwach. Die viele Artillerie, die hier eingebaut wird, läßt auf einen baldigen neuen Angriff schließen. 3 km hinter der 1. Stellung stehen schon 21cm Mörser, und der Engländer, der doch vom Kemmel aus alles beobachten kann, läßt sich das ruhig gefallen.

Um 2ºº Nachmittag sind wir wieder im Quartier. Ich gehe wieder nach Halnin zu meinem Freund Caesar, mit dem ich dann im Garten Kaffee trinke. Es ist interessant, unseren neuen Dreideckern zuzusehen, die die tollsten Sturzflüge ausführen. Erst später gehe ich nach Basse-Flandre zurück.

Mittwoch früh gehe ich mit Leutnant Fritz wieder nach vorn. In Werwick erwischen wir ein Lastauto, in dem wir bis hinter Comines mitfahren, und dann gehen wir zu Fuß weiter nach Messines, denn am 25. soll angegriffen werden. Das Dorf sieht auch böse aus, nur noch ein Trümmerhaufen. Ein besonders großer zeigt den Platz an, auf dem früher mal die Kirche gestanden hat. Hinter dem Dorf liegen noch sehr viele tote Schottländer.

Gegen Abend gehe ich vor zu meinen 4 Werfern, die wir von der Kompanie, die wir ablösen, übernommen haben. Tommy schießt heut aber tüchtig, ich bin froh, wie ich mit meinen Leuten vorn bin. Die Werfer stehen südlich von Wiltschaete, das auch nur noch auf der Karte existiert. Das Einrichten und Umbauen geht schnell, und wir verziehen uns in einen in der Nähe stehenden Betonbunker. Während der Nacht schießt der Engländer mit ganz schweren Sachen - er kennt seine ehemaligen Unterstände ganz genau, und einigemal wackelt unser Betonklotz ganz gewaltig, er hält aber aus.

Am 25. April 3³º Vormittag beginnt unser Artilleriefeuer. Es wird erst mit Gasgranaten geschossen. Sogar bis in unseren Bunker kommt Gas, ob deutsches oder englisches weiß ich nicht. Jedenfalls fangen wir alle an zu niesen, und setzen die Gasmasken auf. Von 6 - 7ºº sollen wir schießen, und so mache ich mich mit einem Mann kurz vor 6 auf den Weg, um eine Beobachtung zu suchen. Die Orientierung ist in dieser Dunkelheit in dem völlig zerschossenen Gelände außerordentlich schwierig, dazu legt Tommy ein Sperrfeuer auf die Gegend, daß das Herumirren keine Freude macht. Endlich finde ich doch einen alten M.G. Stand, aber der ist fest mit Brettern verrammelt. Wir setzen uns in ein Granatloch dahinter, aber es regnet Schrapnells, und so beseitigen wir trotz des M.G. Feuers die Eingangssperre, und ich glaube, das ging ziemlich fix, wenn auch die Hände dabei bluteten. Den kleinen Raum müssen wir noch mit 2 toten Tommys teilen, na, die störten nicht mehr.

Unsere ersten Schüsse liegen gut, aber bald kann ich wegen des dichten Qualms nichts mehr sehen. Vor uns im Graben liegt die Infanterie und hat auch schon Verluste. Um 7ºº tritt sie zum Sturm an, und ich muß staunen, mit welcher Ordnung die einzelnen Schützenlinien vorgehen. Einige M.G. Nester am Wytschaete hemmen das Vorgehen lange, dann gehts flotter voran. Das feindliche Artilleriefeuer hört fast vollkommen auf, und so machen sich meine Leute auf, um erstmal etwas zum Knabbern aus den englischen Gräben zu holen. Sie bringen Unmengen von Weißbrot und Büchsenfleisch mit, und nun wird ordentlich gefuttert. Es gibt ja genug, auch Tee und andere schöne Sachen. Meine Schnürschuhe, die ich mir früh zerrissen habe, werden durch ein paar englische ersetzt. Eine Lederjacke nehme ich mir auch als Andenken mit. In meinem Bunker warte ich auf weitere Befehle, es kommt aber nichts. Am Abend muß ich meinen schönen Bunker einem Artilleriekommandeur abtreten. Wir finden bald einen anderen und schlafen dort ausgezeichnet.

Am 26. April mittags gehe ich zu unserer Befehlsstelle, die in einem Betonklotz bei Messines ist, zurück, um zu hören was nun ist. Man erzählt mir, daß Leutnant Nedden in der Nacht schwer verwundet worden ist. Hoffentlich ists nicht so schlimm. Abends soll ich mit 2 Werfern nach vorn rücken, es melden sich eine ganze Anzahl Freiwillige.

Ich gehe voraus, um mich mit unserem Verbindungs-Offizier beim R.J.R. 78 wegen des Einbaues zu besprechen. Meine Werfer sollen zu der anderen Gruppe in der Nähe von Groot-Wiesstraat kommen. Über eine Stunde sause ich vorn im dichten Granat- und Schrapnellfeuer herum, finde aber unsern Offizier nicht. Einer von meinen 2 Begleitern wird schwer verwundet, und und nun gehe ich auch zurück, um das Regiment zu fragen. Dort ist von einem Einbau der Werfer nichts bekannt, und so lasse ich sie dann ziemlich weit hinten stehen und rücke nach Hause. Es war gut so, denn in der gleichen Nacht mußten noch alle Werfer zurückgeholt werden.

Am Sonnabend 27. 11ºº Vormittag rückt die Kompanie nach hinten ab. Es ist trübes Wetter. Sonntag Nachmittag muß sie wieder nach vorn, sie ist der 3. Garde-Division unterstellt. Ich muß als Führerreserve hinten bleiben, obwohl ich lieber vorn bei der Kompanie wäre. Allein ist hinten auch langweilig. - In der Nähe stehen einige Eisenbahn-Geschütze, die den ganzen Tag funkten. Bei jedem Abschuß klirren die Fensterscheiben. Die nächsten Tage bleibe ich im Quartier, es ist meist trübe.

Mittwoch 1. Mai abends kommt Leutnant Koch von vorn zurück, um mich abzulösen. Aber es kommt anders. Die Kompanie wird herausgezogen und ich reite am 2. Mai früh nach Moorseele, um für die Kompanie Quartier zu machen. Bei Durchqueren von Menin regnets Fliegerbomben. In Moorseele bekommen wir ganz gute Baracken angewiesen. Es ist wunderbares Wetter. Gegen Abend kommt die Kompanie an, wir richten uns ein, so gut es eben geht. Am nächsten Tage haben wir Zeit, uns bei Sonnenschein unser Dorf etwas näher anzusehen. Viel gibts nicht, der Truppenverkehr ist nur sehr stark, und vorn rollts tüchtig weiter. Nachmittags lassen wir uns auf unserer Wiese die Sonne auf den Bauch scheinen.

Sonnabenf, 4. Mai gehen wir nach dem nicht allzuweit entfernten Weweghem, einem größeren Orte. Nachmittags fahren wir mit der Kleinbahn nach Kortryk, um nähere Auskunft über Leutnant Nedden, der inzwischen an seiner Verwundung gestorben ist, zu erhalten. Er ist bereits beerdigt, und es tut uns allen furchtabr leid, daß keiner von uns dabei gewesen ist. - Lieber Jost, schade um dich guten Kerl, bist mir doch mehr gewesen als nur Kamerad.

Wir essen im Kasino sehr gut, gehen dann zum Platzkonzert, das wegen Fliegerbesuch abgebrochen wird, und wandern dann hinaus zu Neddens Grab. Ich glaube, jeder von uns hat doch im Stillen Gott gedankt, daß er noch nicht dran gekommen ist. Am Abend fahren wir dann mit einem Lastauto, das wir zufüllig erwischen, ins Quartier zurück.

Sonntag früh regnets wieder. Leutnant Fritz und Wahl fahren nach Gent, ich möchte auch gerne mal hin, es wird aber nichts mehr daraus, da wir am 6. Mai abrücken müssen. Mit der Bahn gehts Nachmittag 4ºº nach Kortryk, und dann zu Fuß weiter nach Sweweghem. Um 8ºº abends verladet die Kompanie, um 11ºº fahren wir ab über Renaise-Bagne, Manage (9ºº Vormittag warme Verpflg.), Charlewi [unleserlich], Namur und dann im wunderbaren Maastal weiter über Disast-Hastiere (sehr gute Verpflg.), Givet, Charleville, Rethel bis Juniville. Hier kommen wir am 8. Mai 1ºº Vormittag an. Während der ganzen Bahnfahrt war prächtiges Wetter, und jetzt fängts feste an zu gießen. Wir marschieren gar nicht weit bis in das uns angewiesene Lager, werden aber vollkommen durchnäßt. In der Finsternis müssen wir uns nun im Wald unsere Baracken suchen. Sind vollkommen leer, aber auch nichts ist da. Nachdem die Leute untergebracht sind, gehen wir in die erste beste Holzbude und legen uns da, da die Fahrzeuge mit dem Gepäck noch nicht da sind, so auf den nackten Fußboden. Unter dem Kopf der nasse Rock, als Zudecke dient der Mantel, den ich etwas ausgewunden habe. Etwas schlafe ich doch, wache aber dann von der Kälte auf. Rings um mich ist alles naß. Gelegenheit zum Feuer anmachen ist nicht da, erst der heiße Feldküchenkaffee erwärmt uns etwas.

Am Tage sehen wir uns erst mal das Lager genauer an, verteilen die Mannschaften, und finden dann auch eine andere Bude, die wenigstens einige Bettgestelle hat. Es ist wieder schön geworden.

Donnerstag Morgen, Himmelfahrt, reite ich mit Leutnant Fritz über La Neuville weiter nach vorn ins Lager der M. W. R. 419, die wir ablösen sollen. Der Stellvertretende Führer ist ein Bekannter vom Glogauer Bataillon, Leutnant Edinger. Wir freuen uns uns zu treffen. Nach Besprechung des Notwendigsten über die Stellung reiten wir in unser Lager zurück. Am nächsten Tage bin ich wieder zur Besprechung vorn.

Sonnabend Nachmittag übernehme ich das Lager der Kompanie. Ich treffe noch 2 Bekannte, Leutnant Vogel, mit dem ich mal als Vize-Feldwebel zusammen in einer Kompanie war, und Leutnant Ruse. Ich werde zum Kaffee mit Kuchen und zum Abendessen, das wir im Freien einnehmen eingeladen. Gerade wie wir anfangen zu essen, sagt der neben mir sitzende Ruse: „Warten Sie mal 'nen Augenblick, ich will Ihnen nur die Laus vom Kragen nehmen.“ Allgemeines Gelächter. Na ja, man konnte in der letzten Zeit schon dazukommen, ohne gerade ein Schwein zu sein. Habe übrigens seit meiner Pionier-Zeit keine mehr gehabt. - Der Abend ist recht gemütlich. Die Quartiere sind sehr gut, fast jeder Offizier hat ein eigenes nettes Häuschen im niedrigen Walde. Vor allem ist's überall fein sauber.

Sonntag früh kommt die Kompanie an. Sie soll aber bald wieder abrücken, wohin unbekannt. Ein kleines Kommando der Kompanie bleibt jedoch, um die Stellung zu besetzen, das übernehme ich, und damit auch die Stellung und alle Arbeiten.

In unserem recht netten Kasino haben wir wieder ein Klavier; abends gibts Bier, und so machen wir vor dem Auseinandergehen einen feinen Abend. - Es regnet.

Montag, 13. Mai rückt die Kompanie ab. Ich bin nun selbständig und habe mit der Einteilung für [unleserlich] Stellung viel Arbeit. Eine Abteilung Pioniere habe ich noch zur Unterstützung bekommen. Dienstag Nachmittag gehe ich bei schönem Wetter zu dem etwa ½ Stunde wegliegenden Bataillon zu einer Besprechung. Ich werde zum Kaffee eingeladen. Nachts kommen französische Flieger, die in der Umgebung Bomben abwerfen. Das wäre ja noch das Wenigste, aber unsere Abwehr schießt wie blödsinnig, und die leeren Schrapnellhülsen kommen alle wieder herunter. Oft krepiert auch so ein Ding nicht in der Luft, sondern erst unten beim Aufschlag, und das kann sehr gehässig werden.

Mittwoch Vormittag habe ich mit meinen Karten zu tun. Nachmittags muß ich wieder zum Bataillon. Nachts Flieger.

Am 16. reite ich nach vorn, mit dem Pferd bis St. Martin, dann gehe ich die Stellung des R.J.R. 73 durch. Nachmittags um 4ºº bin ich wieder im Lager. Es ist bullig heiß, der weiße Kalk brennt furchtbar in den Augen. Die Stellung ist ziemlich gut ausgebaut. Das an unserem linken Flügel liegende Dorf Vandesauncourt ist vollkommen eingeebnet. Hier befindet sich auch eine unserer Gefechtsstellen. Da das Gelände von den Franzosen vom Fichtelberg aus sehr weit eingesehen ist, muß man sich sehr vorsichtig bewegen.

Am 17. früh reite ich zum Bataillon und von dort mit dem Kommandeur zu einer Besprechung zur Brigade. Sie ist mit meinen Sperrfeuer-Vorschlägen einverstanden. Sonnabend bleibe ich zuhause, es gibt so Arbeit genug, besonders bei der zusammengestoppelten Kompanie. - Da wir keine bessern Möglichkeiten haben, muß ich in die Wanne kriechen; es tut aber auch gut.

Sonntag 1. Pfingstfeiertag ist früh in unserem Lager Feldgottesdienst. Nachmittag ist Konzert ganz in der Nähe.

Am 2. Pfingstfeiertag reite ich in Stellung, um den mittleren Abschnitt - Dachgarten - kennen zu lernen. Die Werferstände sind ganz gut. Unsere Befehlsstelle ist ein ziemlich großer Bunker, von dem sogar noch ein Stollen tiefer in die Erde geht. Nach Besuch des K.T.R. [unleserlich] und einer Besprechung im Gefechtsstand R.J.R. 78 gehts wieder nachhause.

Dienstag 21. und Mittwoch Vormittag habe ich wieder beim Bataillon zu tun. Nachmittags bin ich zu einer Besprechung zum R.J.R. 92 befohlen. Ich reite über Béthéneville bis zum Gefechtsstand. Es ist tüchtig heiß. Béthéneville ist ein ziemlich großes fast vollkommmen zerschossenes Dorf. In den nächsten Tagen muß ich wieder wegen einiger Sachen zum Bataillon.

Sonnabend, 25. Mai Vormittag reite ich nach vorn zum Gefechtsstand R.J.R.78 Es handelt sich um ein Unternehmen „Maibowle“, das in den nächsten Tagen steigen soll. Für mich gibts dazu noch sehr viel Arbeit. Ich reite also zurück, teile alles für die nächsten Tage ein, und gehe gegen Abend zu Fuß in Stellung. Wir bauen einige Werfer um in andere Stände, um die befohlenen Ziele erreichen zu können. Die ganze Nacht schlagen wir uns dabei um die Ohren, da die Werfer in den engen Gräben getragen werden müssen.

Sonntag früh fang ich schon an zu schießen. Meine Beobachtung ist sehr gut, die Schüsse liegen ausgezeichnet. Nachmittag gehe ich wieder zum Gefechtsstand 78 zu einer Besprechung. Auf dem Rückwege kriegen wir in einer Kantine ein vorzügliches Bier, das uns bei der Hitze recht gut tut.

Montag Vormittag schießen wir wieder mit dem selben guten Erfolge. Der Franzose nimmt unsere Stände unter Artilleriefeuer, richtet aber weiter keinen Schaden an. In der folgenden Nacht bringen wir Munition an die Werfer.

Am 28. Mai wird weiter geschossen - jeden Tag etwas, damit es nicht so auffällt.

Mitttwoch 29. Mai - mein 4. Kriegs-Geburtstag. Ich habe im rechten Abschnitt zu tun, und spaziere durch hintere Gräben zum R.T.R. 92 nach der „Marienhöhe“, wo ebenfalls einige Werfer von uns stehen. In der Nacht 2³º findet das Unternehmen statt. Wir schießen feste; der Franzmann antwortet auch fleißig. Unsere Infanterie holt einige Gefangene. Die Werferstände werden von der feindlichen Artillerie und mit Revolverkanonen ganz anständig beharkt.

Am 30. kommt Ablösung. Die Kompanie, die den Anfang der Offensive rechts von Reims mitgemacht hat, ist wieder da. Ich übergebe die Stellung und gehe nachts ins Lager zurück. Freitag Nachmittag bin ich beim Bataillon, wo ich bis 11³º nachts festgehalten werde. Ein netter Abend!

Am 1. Juni reite ich frühzeitig los über Pint-Faverges bis zur Dailly-Ferne, und von dort gehe ich zur Sachsenhöhe, um dort einige Werferstände zu suchen. Von der Sachsenhöhe hat man einen feinen Blick nach vorn. Rechts unser Flügel ist die Bärenburg, links der Keilberg, und anschließend daran Röhlberg und Marienhöhe. Unsere Stellung ist stellenweise sehr ungünstig, da vollkommen eingesehen. Wir bekommen auch einigemal Artilleriefeuer. Die Hitze wird durch das Blenden der weißen Kreide unterstüzt, furchtbar ungemütlich an einigen Stellen; wo die Gräben fast eingeebnet sind, müssen wir zu allem Überfluß auch noch Laufschritt machen. Nachmittag gegen 3ºº bin ich wieder im Lager. Um 5ºº schon wieder beim Bataillon, um Meldung zu machen.

Sonntag früh geht es wieder mit dem Wagen nach vorn, um die Suche nach neuen Werferständen fortzusetzen. Nachmittags bin ich im Lager. Montag Abend kommt Stendelbach, der im Winter krankheitshalber von der Kompanie weggekommen war, und nun zufällig in der Nähe liegt, uns besuchen. Es wird sehr feuchtfröhlich.

Dienstag bleibe ich im Lager. Am 5. Juni Nachmittag muß ich zu einer Besprechung zum R.J.R. 92. Es soll schon wieder ein Unternehmen „Meistersinger“ steigen. Abends gehe ich nach vorn in Abschnitt Sachsenhöhe, um die Vorbereitungen dazu zu treffen. 2 mittlere Werfer müssen vorgebracht und an der Albert-Höhe eingebaut werden. Es ist eine Schinderei, die Werfer und die Munition durch die engen Gräben zu schleppen. Außerdem gibts auch noch ziemlich starkes Artilleriefeuer, daß wir obendrein noch Verluste haben. Die ganze Nacht vergeht damit.

Am 6. Juni bin ich ganz zeitig wieder vorn, die Gräben sind schlecht und größtenteils eingesehen. Sobald sich einer blicken läßt, gibts Artilleriefeuer. Wegen [unleserlich] einer Beobachtungsleitung gehe ich zu Leutnant Ebhardt, Abschnitt Marienhöhe. Endlich ist alles so weit. Ich zerstöre mit 50 mittleren Minen das feindliche Drahthindernis an der linken Seite des Keilberges. Meine Beobachtung ist im ersten Graben sehr gut, der Franz. will mich mit Revolverkanonen stören, trifft aber nicht ordentlich. Über K.T.R 92 gehe ich dann zu meiner Befehlsstelle an der Sachsenhöhe zurück. Dieser Gefechtsstand ist sehr mäßig, ein tiefer, schlecht gebauter Stollen. - In der Nacht muß ich, da ich am folgenden Tage die andere Seite beschießen will, die Werfer umbauen und wieder Munition nach vorn bringen. Mittags fang ich an zu schießen, es ist bullig heiß; die Beobachtung ist in einer Sappe [Erdwalze, siehe auch http://de.wikipedia.org/wiki/Approche] direkt vor dem Ziel. Nachmittag feuern die Flügelwerfer noch einige Schuß auf die Bässenburg. Der Franz. antwortet während der ganzen Schießerei ziemlich lebhaft mit Artillerie. Abends gehe ich ins Lager zurück, wo ich auch die nächsten Tage bleibe. Mit Schreiben des Kriegstagebuches und meiner Berichte habe ich ziemlich viel Arbeit.

Mittwoch 12. Juni gibts anläßlich der Beförderung des Offiziersstellvertreters Töllner zum Leutnant der Reserve und seiner Verleihung des E.K. I eine feine Erdbeerbowle. Donnerstag reiten wir nach Anssoure, um unseren Stendelbach zu besuchen. Am 15. sind wir wieder dort, wir gehen in eine Vorstellung des Fronttheaters, die recht gut ist.

Am 19. habe ich wieder einmal im Abschnitt Sachsenhöhe zu tun. Seit einigen Tagen regnet es schon - in einer Beziehung ganz gut, wir werden wenigstens nachts nicht so sehr von den Fliegern belästigt. Am Nachmittag fahre ich wieder ins Lager zurück.

Am 20. Juni übernehme ich die Kompanie-Führung. Leutnant Fritz fährt auf Urlaub. Nun gibts wieder mehr Arbeit für mich. Sonntag habe ich bei den etwa 2 km vor uns liegenden Ballonzügen [Mannschaften zur Abwicklung von Luftschiff-Einsätzen - mehr bei Wikipedia - Foto bei luftschiffharry.de] zu tun. Nachmittags spielt die Kapelle des Bataillons in unserem Lager. - In der Kompanie werden auffallend viele Leute fieberkrank, es handelt sich um die sogenannte Grippe, die ja überall grassierte. Jeden Tag gehen 20-30 Mann ins Lazarett, die aber nach kurzer Zeit schon wieder kommen. Es sind allerdings auch einige Todesfälle vorgekommen. Über die Kompanie wird eine Sperre verhängt - keiner darf das Lager verlassen, es sei denn, wenn er in Stellung muß!?

Am 26. Juni wirds wieder schön, die Krankheitsfälle nehmen ab, die Sperre wird aufgehoben, obwohl ich täglich mit den Kranken in engster Berührung war, verspüre ich nicht das geringste Übelsein.

Donnerstag 27. bin ich Nachmittag zu einer Besprechung beim Bataillon. Für den Abend muß ich dort bleiben, einige Herren von der Division sind auch da, und so wird es sehr in die Länge gezogen. Garnicht so recht nach meinem Geschmack, denn am 28. früh 5ºº soll ich mich mit dem Kommandeur des M.W.Batl. VIII. an der Dailly-Ferme treffen. Wir gehen die Abschnitte Sachsenhöhe und Marienhöhe durch, um uns die feindliche Stellung anzusehen. Die ehemals dichtbewaldeten Höhen sind jetzt vollkommen kahl. Abschnitte, die nicht so sehr unter Feuer liegen, bieten ein farbenfrohes Bild - ein frisches, saftiges Grün durchbrochen von dem kräftigen Rot der Mohnblumen. Und in dieser bunten Pracht hier und da ein neues, scheeweißes Granatloch. Vom Keilberge aus sehen wir hinunter auf das ehemalige Moronvilles, von dem auch keine Spur mehr zu sehen ist. Ein einziger großer mit üppigem Unkraut bestandener Fleck. Wer dort nicht Bescheid weiß, kann leicht in einem Brunnen verschwinden.

Mittags bin ich wieder zuhause. In der Gegend sind schon sehr viele M.W.K. usw. zusammen gezogen - es ist also wieder etwas in Aussicht. Am Nachmittag reite ich ins Alvenslebener Lager, um dort mit der M.W.K. 414 und Kompanie 403 Verbindung aufzunehmen.

Sonnabend früh gehe ich nach vorn in den Abschnitt Dachgarten, um dort Werferstände für die Kompanie festzulegen. Es sind derartig viele unterzubringen, daß man bald nicht weiß, wohin damit.

Sonntag 30. Juni habe ich wieder im Alvensleben-Lager zu tun, um mit dem Führer der M.W.K. 414 das Nähere zu besprechen. Der Ballon vor unserem Lager ist oft das Ziel französischer Flieger-Angriffe. Jeden Morgen wird versucht, ihn abzuschießen, und es gelingt auch in den Folgetagen, ihn dreimal herunter zu holen. Bei dem klaren Wetter gibts jetzt auch jede Nacht Fliegerbesuch und viele Bomben, die auch meist ziemlichen Schaden anrichten, auch kein Wunder bei der dichten Belegung der Läger. Ich bin immer froh, wenn ich einschlafen kann, bevor der erste angesummt kommt, dann höre ich wenigstens nicht. Im andern Falle kann man doch kaum die richtige Ruhe finden. Die nächste Zeit vergeht mit Vorbereitungen für die Offensive, die in der nächsten Zeit steigen soll. Es heißt, Werferstände bauen, Munitions-Nachschub regeln, und was sonst alles drum und dran hängt.

Am 6. Juli habe ich wieder beim Bataillon zu tun. In den nächsten Tagen fängt der Franzmann lebhafter an zu schießen, er scheint etwas zu ahnen. Ja, bis dicht an unser Lager funkt er heran.

Für den 10. abends bin ich zur Geburtstagsfeier unseres Bataillonskommandeurs eingeladen. Wieder einige recht nette Stunden. Zur Abwechslung regnets wieder einmal.

Am 11. habe ich wegen Unterbringung in unserem Lager eine Besprechung im Braunschweiger Lager.

Am 13. Juli abends kommt auch die angemeldete Infanterie-Einquartierung - die Sturmtruppen rücken so langsam vorn ein. Am nächsten Tage, Sonntag, schnüren wir auch unser Bündel, machen alles für den Vormarsch fertig, und freuen uns schon darauf.

In der Nacht 15. Juli 1¹º beginnt unser Artilleriefeuer, später setzt das M. W. Feuer ein, und um 4⁵º Vormittag beginnt der Angriff. Es geht ganz gut voran, hören wir. Um 9ºº Vormittag marschiert auch die Kompanie nach vorn ab. Es geht langsam vorwärts - eine Kolonne hinter der andern. In der Nähe von St. Martin beziehen wir unseren Bereitschaftsplatz. Vor uns wird feste geschossen, der Angriff ist an der Römerstraße zum Stocken gekommen. Der Franzmann schießt wild in der Gegend herum, beaßt auch uns mit Grasgranaten, sodaß wir einen andern Platz suchen müssen. Es ist wenigstens wieder schönes Wetter, und so macht der Aufenthalt im Freien Spaß. Es gibt ja auch so viel zu sehen. Vorgehende Infanterie und Artillerie. Die Straße am Pöhl-Berge ist sehr belebt und liegt unter starkem Feuer. Ballons werden abgeschossen und kommen brennend heunter, Fliegerkämpfe finden statt, und noch mehr solch schöne Sachen. Gegen Abend kommt Leutnant Fritz vom Urlaub zurück, ich übergebe die Kompanie. Ihm gefällt dieser Betrieb nach dem Urlaub anscheinend garnicht. Na, es ist ja auch zu verstehen. Ich gehe mit ihm zum Bataillon, das etwas weiter hinten liegt. Wir verziehen uns dann auch etwas nach hinten, und richten uns in alten Gräben ein, so gut es eben geht. In den nächsten Tagen ists weniger schön, mal regnets, mal scheint die Sonne. Es werden einige Ballons abgeschossen. Wir sehen einigen in unserer Nähe stehenden 21cm-Mörsern beim Schießen zu. Vorläufig bleibt die Kompanie nun vorn in Bereitschaft.

Freitag 19. Juli früh gehe ich mit Leutnant Toellner nach vorn in die neue Stellung. Wir erkunden am Möllerberg neue Werferstände. Das von uns neu genommene Gelände sieht garnicht so wüst aus, wie ich erst dachte. Die Gräben sind größtenteils vollkommen erhalten. Es liegt nur wenig Holz in der Gegend herum. Das feindliche Feuer hält sich in mäßigen Grenzen, nur auf dem Möllerberg selbst gibts mehr, und auch auf dem Fichtelberg rauchts tüchtig. Von der Höhe aus hat man einen feinen Blick über die Champagne. Vor uns breitet sich ein riesiger Wald aus, der vorn dauernd unter unserem Artilleriefeuer liegt. - Die Sonne meint es wieder recht gut, wir sind tüchtig warm geworden. Nachmittags ziehen wir noch weiter zurück, da es vorn zu ungemütlich wird. Wir kriegen das Wenigeroder-Lager angewiesen, die Unterbringung ist aber recht schlecht.

Am Sonnabend ladet uns unser Veterinär nach La Neuville zum Rostbraten ein. Wr reiten auch hin und es mundet ausgezeichnet. Es ist mal etwas anderes. Die nächsten Tage ist nichts besonderes.

Am 22. reite ich mal vor, um an der Adolf-Höhe in der Nähe von Pant-Faverger ein Lager für uns zu erkunden. Wir beziehen es aber nicht, sondern quartieren ins Blankenburg-Lager um, das direkt neben unserm alten liegt. Hier ists sehr fein, haben gute Quartiere, und auch ein Kasino mit Klavier. Am Abend gibts wieder einmal Roßbraten [unleserlich].

Den nächsten Morgen 26. gehe ich nach vorn, um dort die M.W. Stellung zu übernehmen. Die Stände sind natürlich sehr notdürftig, die Unterbringung ebenfalls. In der Nacht wirds recht ungemütlich. Das französische Artilleriefeuer wird sehr heftig, und es folgt auch ein Angriff, der kurz vor unserer 26. Werferstellung zum Stehen kommt. Es wird höchste Alarmbereitschaft befohlen.

Am 27. wird wieder angegriffen, nicht direkt bei uns, sondern links davon am Hexenberg. Das ist sehr unangenehme für uns, denn der Franz kann hinter unsern Berg gucken und uns flankieren, stellenweise sogar von hinten fassen.

Sonntag 28. Juli früh werde ich unverhofft abgelöst. Über den zerschossenen Pöhlberg gehe ich zum Dailly-Fe., wo mich der Kompanie-Packwagen erwartet und ins Lager bringt. Bei Klavierspiel und Bier vergeht der Abend.

Montag übergibt mir Leutnant Fritz die Kompanie. Er ist zu einem Kursus für M.W. Kp. Führer nach Valenciennes kommandiert. Er packt fleißig, denn am nächsten Morgen will er fahren. Es kommt aber anders - die Division läßt ihn nicht weg: an seiner Stelle soll ich dorthin. Leutnant Fritz flucht natürlich wie ein Rohrspatz, was ich ihm garnicht verdenken kann, und ich freue mich wie ein Schneekönig. Fein, daß ich wieder mal für ein Weilchen aus dem ganzen [unleserlich] doch herauskomme. Mein Koffer ist bald ferig gepackt. Abends fahre ich von Junivile ab nach Charleville. Hier habe ich längeren Aufenthalt, dann gehts über Hisson weiter nach Valenciennes, wo ich mit meinem Burschen am Nachmittag eintreffe. Ich melde mich gleich bei der Heeres M. W. Schule I und bekomme eine größere Anzahl von Zetteln in die Hand gedrückt, von denen mich vorerst nur der Quartierzettel interessiert. Meine Wohnung finde ich schnell: Rue dessier les murs 21 - zufällig wieder bei einem Maler, wie damals in Réhon. Meine Bude ist ganz nett; die Einrichtung besorgt mein braver Brockstedt, und ich gehe inzwischen auf Entdeckungsreisen. Im Einkehrhaus treffe ich eine Anzahl von M. W.-Offizieren, und da ich annehme, daß sie ebenso wie ich, zur Schule kommandiert sind, mache ich mich mit ihnen bekannt. Nach einem gemütlichen Abendschoppen suche ich dann mein Quartier auf, froh wieder einmal in einem ordentlichen Bett schlafen zu können. Valenciennes ist eine größere schöne Stadt mit einer prächtigen Parkanlage. An Unterhaltung wird uns sehr viel geboten - Theater, Konzert, Kino, und noch mehr solch schöne Sachen, die auch reichlich ausgenützt werden. In dem Museum befinden sich sehr viele Kunstschätze, die von andern zerstörten Orten dorthin gebracht worden sind.

Der Dienst ist nicht sehr aufregend, meist theoretischer Art. Einige Übungen, Scharfschießen mit einer großen Anzahl von Werfern aller Kaliber, Tankbekämpfung und eine Angriffsübung größeren Stils, zu denen wir mit Autos zum Übungsplatz gefahren werden, sind äußerst interessant. - Das Essen an der gemeinsamen Tafel ist ausgezeichnet. Der Kommandeur der Schule Major Biermann und die andern Herren haben für uns Frontoffiziere das richtige Verständnis, und machen uns das Leben nicht zu schwer.

Jeden Sonnabend Nachmittag fahre ich nach Brüssel, das in sechsstündiger Bahnfahrt zu erreichen ist. - Brüssel muß man gesehen und kennengelernt haben. Jedenfalls hats mir sehr gut gefallen. - Die meisten Abende in Valenciennes bringe ich im Wandervogelnest der dort bestehenden Feldgruppe zu. Sehr viel gehe ich mit einer Breslauer [unleserlich] Wanderschwester - Lotte Herrmann - spazieren und diese Stunden ruhen in schönster Erinnerung in meinem Gedächtnis. Einen alten lieben Freund treffe ich auch wieder - Leutnant Caesar. Ich besuche ihn auch mal in seinem in der Nähe von V. befindlichen Quartier und verlebe einen sehr feinen Nachmittag mit gutem Burgunder.

In den letzten acht Tagen der feinen Valencienner Zeit wird es etwas unangenehm - wir bekommen fast in jeder Nacht Fliegerbesuch, die die Stadt mit ihren Bomben nicht verschonen. In einer Nacht werfen sie so ein unangenehmes Ding in mein Nachbarhaus, sodaß ich im schönsten Schlummer gestört werde. Soll ich auch in den Keller gehen? Nein, ich denke ja garnicht daran; wenns mich erwischen soll, kriegts mich im Bette auch, und da ists wenigstens warm und ich kann schlafen. An unserem Abschiedsabend, der sehr fein verläuft, kommen auch Flieger, durch die wir uns aber nicht im geringsten stören lassen. Im Gegenteil, wir stellen uns fast alle auf den Hof und sehen uns den feinen Feuerzauber am Himmel an.

Die schöne Zeit ist leider zu schnell um; am letzten Sonnabend 24. August gehts nochmal nach Brüssel, und am Montag, 26. August Nachmittag 5ºº fahre ich nach dem mir nicht allzu leichtgewordenen Abschied von dem mir so lieb gewordenen Valenciennes ab, der Front entgegen.

In Tuluoye habe ich ziemlich langen Aufenthalt. Um mir die Zeit zu verkürzen, gehe ich mit einem Kameraden in den Kintopp, und dann geht die Fahrt über Charleville nach Inniville [unleserlich] weiter, wo ich Dienstag früh eintreffe. Hier höre ich, daß unsere Division inzwischen abgelöst worden ist - eine genaue Auskunft, wo sie sich befindet, kann mir niemand geben, und nach langem Warten erfahre ich endlich, daß unsere Kompanie im alten Lager ist. Und so mache ich mich mit meinem Burschen auf den Weg; mein Gepäck nimmt der zufällig nach Inniville gekommene Empfangswagen mit.

Im Lager angekommen höre ich von der zu erwartenden Auflösung der Kompanie und der Zuteilung zu der M. W. Kompanie der Infanterie-Regimenter. Ich hoffe, als ältester Offizier der Kompanie 214 eine Infanterie M. W. Kompanie zu kriegen.

Am nächsten Tage rückt unsere Kompanie das letzte Mal geschlossen ab nach dem nicht allzuweit entfernten Méuil-Lépinois und bezieht dort Quartier. Morgen sollen wir zu den Infanterie-Regimentern kommen. Uns Offizieren fällt das Auseinandergehen auch nicht so leicht, man wächst im Laufe der Zeit doch etwas zusammen, und als einziger Trost bleibt uns nur das Bewußtsein, wenigstens bei der selben Division zu bleiben. So können wir immer wieder einmal zusammen kommen.

Am nächsten Vormittag verteilen wir fein säuberlich unser Kasinogerät, und am Nachmittage des 29. rücke ich mit den gleich mir dem R. I. R. 73 zugeteilten Mannschaften nach dem Nassauer-Lager, um mich beim Regiment zu melden. Hier erfahre ich, daß ein M. W. Offizier des Regiments ein älteres Patent hat als ich, und so kriege ich auch die neue Kompanie nicht, was mich nicht sehr erfreut. Der Kommandeur befindet sich auf Urlaub, und so muß ich einstweilen die Führung übernehmen. Am späten Nachmittag reite ich nochmal zu unserem alten Pionier-Bataillon, das in Vertretung des Kommandeurs von meinem alten Kompanieführer geführt wird. Wir sind längere Zeit zusammen. Leutnant Fritz will sein möglichstes tun, daß ich doch eine Kompanie kriege.

Der folgende Tag bringt viel Arbeit. Aus dem Teil unserer Kompanie und der M. W. Abteilung des 3. Bataillons des Regiments ist die neue Kompanie zusammen zu stellen. Die Mannschaften müssen verteilt, die Fahrzeuge umgeladen und richtig bespannt werden. Die Pferde reichen bei weitem nicht aus, und ich bin ganz froh, als mir am anderen Morgen mein Bespannungs-Unteroffizier meldet, daß während der Nacht 3 Pferde „zugelaufen“ sind. Abends ist ein gemütliches Beisammensein der Offiziere des 2. Bataillons, zu dem auch ich eingeladen bin. Das Bier ist nicht schlecht, und der in Unmengen genossene Steinhäger sorgt bald für die richtige Stimmung. So versoffen wie die Infanterie war unsere alte Kompanie doch nicht, obgleich wir auch ganz gern mal einen gehoben haben. - Jedenfalls bin ich froh, wie ich am Morgen wieder lebendig aufwache; die stramme Beschäftigung sorgt dann bald für völlige Ernüchterung. Mir wird ein Offizier und ein Offizier-Stellvertreter zugeteilt, und so bin ich wenigstens nicht mehr ganz allein zu allem. Die Kompanie soll eigentlich außer dem Führer 6 Offiziere haben - wir sind vorläufig nur drei! Am Nachmittag kommt Abmarschbefehl für den nächsten Tag.

Es regnet, und so bleibts auch noch am Sonntag, 1. September, an dem wir 10 30 Vormittag nach Nauslive [unleserlich] zur Verladung abrücken. Bis zur Ankunft unseres Zuges ist noch lange Zeit, wir stehen im strömenden Regen draußen und essen aus der Feldküche. Nach der Verladung gehen wir schnell noch mal ins Kasino, und dann geht die Reise los. Wir fahren ganz langsam; gegen Abend wird es sternenklar, was uns wegen der zu erwartenden Fliegergefahr wenig angenehm ist. Mitten in der Nacht werden wir in Eppes verpflegt. Über uns sind einige feindliche Flieger, die uns aber gottlob nicht entdecken. Dann fahren wir weiter über Laon nach Verssigny, wo wir 6 30 Vormittags entladen. Es ist reichlich frisch; von vorne hören wir ganz anständiges Artilleriefeuer. Über Fressenvoust [unleserlich] marschieren wir nach St. Nikolaus und beziehen Biwak. Gerade nachdem ich mich hingelegt hatte, um die unvollständige Nachtruhe nachzuholen, werde ich zum Bataillon befohlen. Ich soll mit dem 3. Bataillon vorläufig ohne Werfer in Stellung rücken. Um 4ºº Nachmittag marschieren wir ab, warten dann unterwegs erst das Dunkelwerden ab, und ziehen auf Feld- und Fußwegen kreuz und quer durch die Gegend, weil die Hauptstraßen zu sehr unter Feuer liegen.

Dienstag, 3. September landen wir bei der La Faoux-Ferme. Die Infanterie rückt nach vorn, wir bleiben in Bereitschaft und beziehen an einem Steilhange Bereitschafts-Unterkunft. Einige Stollen sind gottlob vorhanden, denn es schießt ziemlich stark in der Gegend herum. Besonders das Tal vor uns, in dem der Franz Artillerie vermutet, liegt sehr stark unter Feuer. Beim Regimentsgefechtsstand, der in einer Höhle liegt, hole ich mir nähere Befehle: die Werfer sollen eingesetzt werden nach meinem eigenen Gutdünken. Am Abend gehe ich dann in dem ziemlich schwierigen Gelände nach vorn. Die Werfer, die am Tage inzwischen herangekommen sind, werden eingebaut und mit Munition versehen. 4 leichte Werfer und 2 Tanksgewehre.

Mittwoch früh gehe ich wieder nach vorn, um neue Stände zu erkunden. Es ist furchtbar heiß. Eine richtige Stellung ist nicht vorhanden, jeder gräbt sich sein Loch, um wenigstens etwas gegen M. G. Feuer gedeckt zu sein. Beim Zurückgehen kriegen wir Feuer, wir müssen die Beine etwas in die Hand nehmen, dabei (Randbemerkung: Quincy. Landricourt!) macht mein Offizier-Stellvertreter schlapp, er kriegt einen Malaria-Rückfall und muß ins Lazarett. Mein anderer Offizier ist schon krank geworden, ehe wir in Stellung abrückten, und so bin ich wieder ganz allein mit meiner Schar.

Am Abend kommt Befehl, die Werfer in der Nacht zurückzuziehen, und hinten in der Siegfried-Stellung einzubauen. Ich erkunde am Nachmittag schon die Stände, und finde einige ganz gut. Die Werfer werden also nachts in ziemlich starkem Feuer zurückgebracht, und am 5. September neue eingebaut. Die neue Stellung ist sehr gut angelegt, unsere Stände sind mitten im schönsten Walde. Gute Unterstände sind auch vorhanden, nun kann ja der Franz. kommen. Und er läßt auch nicht lange auf sich warten, er folgt bald unserer freiwillig zurückgehenden Infanterie nach.

Am Freitag 6. September vormittags muß ich zum Regimentsgefechtsstand. Der Weg dorthin liegt unter starkem Feuer, und kurz vor dem Ziel hätt's mich beinahe noch erwischt - ich kann gerade noch um eine Hausecke springen, werde aber von dem Luftdruck doch noch zur Erde geschleudert und kriege einen Stein ans Bein, daß ich kaum laufen kann. Nachmittags bin ich in unserer neuen Stellung, um geeignete Plätze zum Einsatz der Tankgewehre zu suchen. Von einer hohen Waldecke aus ist ein feiner Überblick über das ganze eben aufgegebene Gelände. Überall sieht man die vorsichtig vorfühlenden Franzosen, die tüchtig unter M.G.-Feuer genommen werden. Ich habe bei meinen Ständen einen noch besseren großen Bunker entdeckt und ziehe in diesen um. Kaum bin ich damit fertig, da setzt ein ganz gemeines Feuer ein, das gegen Abend wieder etwas nachläßt.

Sonnabend verbessern wir unsere Stände, der Franz schießt wieder mehr, besonders mit Gas, was im Walde sehr unangenehm ist. Nachmittag fängte er aber feste an, Schuß auf Schuß kommt, die Bäume purzeln nur so, und wir können kaum noch aus dem Bunker heraus, als es gegen 6ºº etwas ruhiger wird. Ich schicke schnell meine Essenholer weg, und mache wegen der großen Gasgefahr die Eingänge unseres Stollens mit nassen Zeltbahnen so dicht wie irgend möglich. Bald gehts wieder von Neuem los bis gegen 11ºº nachts. Ich habe mich einstweilen schlafen gelegt, ich bin zu müde, hatte ja auch in den letzten Tagen und Nächten fast gar keine Ruhe. Die Essenholer, die sehr weit zurückgehen mußten, weil die Feldküchen wegen des starken Feuers nicht näher heran konnten, kommen zurück, und bringen in ihren Kleidern eine Unmenge Gas mit - einige melden sich auch gleich krank. Ich schlafe bald wieder ein, werde dann aber plötzlich munter und muß furchbar niesen. Also Gas im Stollen. Die Leute hatten die Vorhänge nicht wieder ordentlich dicht gemacht, und nun strömt das verdammte Zeug ein. Gasmaske aufgesetzt und versucht, weiter zu schlafen. Es geht nicht, weil das Ding drückt. Dann schlafe ich doch noch etwas.

Am Morgen habe ich einen ganz gemeinen Geschmack im Munde, natürlich vom Gas, ich geb aber nicht viel darauf. Ich gehe nach oben, fein ruhig und schönster Sonnenschein. Die Krankmeldungen wegen Gas mehren sich - die Leute müssen sofort alle nach hinten. Ich habe noch einige Stände für mittlere Werfer zu erkunden, und strolche also im Walde herum, finde auch welche. Bei der feinen frischen Luft fällt es mir natürlich garnicht ein, die Gasmaske aufzusetzen. Allmählich spüre ich dann doch ein Brennen in den Augen, sie fangen an zu tränen, ein Brechreiz macht sich unangenehm bemerkbar, also auch gaskrank! Die Gasschicht, die sich unten auf der Erde gelagert hat, ist durch die Sonne in Bewegung gekommen, und ich habs halt nicht gemerkt. Es bleibt mir nun weiter nichts übrig, als ebenfalls zum Sanitäts-Stand zu gehen, und mir einen Fahrschein geben zu lassen. Meinem Burschen gehts genau so, und so ziehen wir beide dann los, nachdem ich meine Karten und sonstigen Papiere einem Feldwebel übergeben habe. Mein notwendigstes Gepäck nehme ich mit, die feinen Decken usw. muß ich leider vorn lassen. Am Sanitäter-Stand ist uns gesagt worden, etwas weiter hinten steht ein Auto, das uns zur Sammelstelle bringt. Wir tigern los, so schlapp wir auch infolge des Gases sind, kriegen unterwegs auch noch ganz gemeines Feuer, und treffen erst nach etwa 2stündigem Marsch das Auto. Unsere Schar ist inzwischen größer geworden, die Gasverluste sind sehr hoch, unser Regiment hat allein etwa 300 Gaskranke. Wir fahren los - im Auto eng zusammen gepfercht, unterwegs halten wir oft, werden auch umquartiert in einen anderen Wagen, und kommen über Cessières gegen 12ºº nachts in Bésny an. Das Brennen der Augen wird immer schlimmer, eine Salbe verschafft wenigstens etwas Linderung, wegen der Lichtscheue werden die Augen verbunden. In Bésny komme ich in eine richtige Baracke, esse erst mal, und schlafe dann recht gut bis in den Tag hinein.

Ich werde geweckt, das Auto wartet, das mich zur Krankentransport-Abteilung nach Chambry bringen soll. Die Augen sind derartig entzündet, daß ich sie kaum öffnen kann. Mittag treffen wir in Chambry ein - hier muß ich mich von meinem Burschen trennen. In der Offiziersabteilung treffe ich mehrere Bekannte vom Regiment, das ist fein. Zwei von ihnen sind auch gaskrank. Draußen regnets, so müssen wir in der Baracke bleiben. Wir sprechen über die letzten Tage, und hören durch die anderen auch viel aus anderen Abschnitten. - Die Verpflegung ist schlecht, außerdem sind auch Läuse da.

Am anderen Morgen, 12. September, heißts fertig machen, wir sollen im Lazarettzug weiter nach hinten kommen, und vermuten natürlich, in die hintere Etappe. Um 10ºº fahren wir mit dem Auto nach Larn, steigen in den Lazarettzug 21 und fahren um 3ºº Nachmittag ab. Wir erkundigen uns, wohin der Zug geht, und sind sehr angenehm enttäuscht, wie wir hören, daß der Zug nach Cöln fährt. Deutschland! Die Betten im Zuge sind sehr gut, die Verpflegung ausgezeichnet und reichlich. Ich bin mit meinen beiden Regiments-Kameraden zusammen, mit den anderen Herren im Wagen werden wir bald warm. Draußen ist herrliches Wetter, der Zug fährt langsam durch das landschaftlich schöne Frankreich und Belgien.

Sonnabend früh fahren wir über die Grenze, weiter gehts über Bonn und Godesberg. Auf allen Bahnhöfen werden wir begrüßt - in Godesberg kriegen wir sogar einige Flaschen Wein. Die Nacht gehts noch durch, Sonntag früh treffen wir in Cöln ein, steigen aus, und um 10ºº Vormittag gehts im Auto ins Festungs-Lazarett III Kolpinghaus. Nach der Untersuchung essen wir sehr gut und bummeln los. Wie unsere Anzüge aussahen, brauche ich ja nicht erst zu beschreiben. Wer draußen gewesen ist, weiß, daß man in Stellung nicht das Beste anzieht. Also verheerend geradezu - es genierte uns aber garnicht, und die Cölner sind so etwas anscheinend auch gewöhnt. Wir gehen in verschiedene Café, sind aber zum Abendessen wieder zuhause.

Montag Nachmittag müssen wir zur Augen-Untersuchung. Abends gehen wir wieder aus, machen die Bekanntschafte einiger Elberfelder Damen und erleben mit denen einen Fliegerangriff. „Alles rennt, rettet, flüchtet“ - das stimmt aber, und wir Frontschw. müssen lachen.

Dienstag Nachmittag fahren wir nach Elberfeld, sind Mittwoch frühzeitig wieder da. Die anderen Beiden vom Regiment 73 kommen zum Ersatz-Bataillon, und da ich darauf bestehe, gleich vom Lazarett aus völlig geheilt wieder zur alten Kompanie ins Feld gehen zu wollen, soll ich weiter nach Deutschland hinein.

Donnerstag morgen geht ein Zug ab, ich fahre mit quer durch das schöne Vaterland bis Dresden. Hier werden wir verteilt, ich komme mit noch 4 Herren in die Nähe von Pirna nach Klein-Sedlitz in das Schloß Lützow. Das Schloß gehört einer Baronin von Lützow und [unleserlich] hat es als Reserve-Lazarett zur Verfügung gestellt. Es liegt hoch oben an dem linken Elbufer - von der Terrasse haben wir einen wunderbaren Blick über das Elbtal von Dresden bis zur Bastei. Wir Offiziere haben ein riesiges Schlafzimmer, für den Tag stehen uns sämtliche anderen Räume zur Verfügung. Die Baronin und auch die Schwester (Josepha Freiin von Friesen) wetteifern uns das Leben so angenehm wie möglich zu machen. Wir essen alle zusammen und sitzen abends oft lange in den prachtvoll ausgestatteten Zimmern bei angeregter Unterhaltung. Wir machen oft auch gemeinsame Ausflüge nach den Königlichen Schlössern in der Umgegend, und einen größeren in die Sächsische Schweiz. Mehrmals fahren wir nach Dresden und besuchen die Hofoper. Die Zeit vergeht wie im Fluge, und hätte etwas anderes von Glogau aus nicht mehr gezogen, wäre ich noch länger dort geblieben. Mein eingereichter Urlaub wird genehmigt, und am 11. Oktober fahre ich mit herzlichem Dank beim Abschied von der Baronin von Schloß Lützow ab.

Der Urlaub vergeht rasch, die Politik beschäftigt jeden mehr, man hört allerhand, weiß aber nichts genaues, und so setze ich mich am 9. November früh auf die Bahn, um nach Unterlüß zum Ersatz-Bataillon zu fahren. Auf den ersten Stationen höre ich schon von Revolution, Auflösung des Heeres, Weggehnmüssen des Kaisers usw. Ich sehe Soldaten ohne Kokarden und Dienstgradabzeichen. Sie erzählen von Soldatenräten, Abschaffung der Offiziere, Abreißen von Achselstücken, von Erschießungen wer sich weigert und noch anderen solchen Blödsinn. Ein Wort unseres alten Major Stiebler fällt mir ein. Gegen die Klistierspritze kann man nicht anpupen! Und ehe ich mir die Achselstücke abreißen lasse, dann gehe ich lieber in Zivil, das ich mir vorsichtshalber schon eingepackt hatte. In Falkenberg steige ich aus, ziehe mich um, und fahre mit dem nächsten Zuge zurück nach Dobrilugk-Kirchhain, der nächsten Bahnhofskommandantur, um mir Gewißheit zu verschaffen. Der Kommandeur, ein alter Herr, weiß eben nicht mehr wie ich, er ist ganz traurig, daß es mit uns so weit gekommen ist, „das Beste wäre,“ sagt er, wenn ich wieder nachhause führe. Die Nacht bleibe ich in der Verpflegungs-Anstalt, esse sehr gut, und fahre am Sonntag Morgen wieder ab. In der 2. Klasse ist natürlich kein Platz zu kriegen, da sie voll Soldaten ist, und so fahre ich dritter, wo ich auch als einziger „Zivilist“ im überfüllten Abteil auf einer Kiste sitze. Alles dreht sich nur um die Revolution - ich beteilige mich auch an der Unterhaltung, die Leute merken, daß ich auch Soldat und Offizier bin und sagen ganz plötzlich „Herr Leutnant“ zu mir, und reden mich in 3. Person an. Ich führe das hier nur an, um zu zeigen, daß nicht alle schlecht waren; die Leute sind nur von einzelnen Radaubrüdern verhetzt worden. Auf der weiteren Fahrt kann ich noch einigen ganz jungen Soldaten, die sich mit ihren Plünderungen groß machen, so gehörig die Meinung sagen, daß sie sich auf der nächsten Station aus dem Staube machen. Müde und vollkommen abgespannt komme ich Nachmittag wieder zuhause an, und höre gleich von den schönen Sachen, die sich hier ereignet haben. Alles wieder zu geben, würde zu weit führen. Jedenfalls sind tolle Zustände, die nach einigen Tagen wenigstens etwas besser werden. Kein Mensch weiß, was nun los ist. An der Front ist Waffenstillstand - unsere Truppen müssen bis über den Rhein zurück - die Feinde ziehen als „Sieger“ ein. Und heut haben sie noch Angst vor uns!

Es ist eigenartig, daß ich gerade heute am 3. August 1920 mit meinen den eigentlichen Krieg betreffenden Ausführungen bis hierher gekommen bin. Wie sieht es nun heut in Deutschland aus, kann man daran noch Freude haben? Was hat uns den [unleserlich] Schmachfrieden von Versailles und die kürzlich gehabte Konferenz von Spaa gebracht? Wer ist an alledem schuld? Nur der plötzliche vollkommene Zusammenbruch des Heeres damals in diesen Novembertagen, hervorgerufen durch gewissenlose Hetzer und von den Leuten, die dann an die Regierung kamen, unterstützt. - Es läßt sich nicht ableugnen, daß unter der alten Regierung viele Fehler gemacht worden sind, aber Ehrlichkeit und Treue galten damals noch. Nichts hat doch demoralisierender gewirkt, als damals die „glorreiche“ Revolution, deren „Errungenschaften“ wir alle heut so gut fühlen und „angenehm“ empfinden. Na, es wird ja nicht ewig so bleiben, der Grundsatz, daß allein Ordnung wieder alles gut machen kann, bricht sich ja immer weiter Bahn, und es ist unser aller verfluchte Pflicht und Schuldigkeit, mit aufzubauen an einem neuen Deutschland. Das walte Gott.

Mit der Revolution ist nun meine kriegerische Laufbahn noch nicht beendet. Meine Mobilmachungsbestimmung wird wohl in den ersten Tagen des Dezembers aufgehoben, stelle mich dann aber am 8. Dezember meinem alten Pionier-Bataillon 5 zur Verfügung, das für die Auflösung Offiziere braucht. Ich bekomme eine Sammelstelle für M. W. Gerät im Brieg Kreis Glogau, und quartiere mich in Erwartung der Kompanien, die hier aufgelöst werden sollen, in Brieg ein. Bei Gutsbesitzer Röhr verlebe ich einige sehr angenehme Wochen. Die Ruhe und gute Verpflegung tun mir nach den Kriegsjahren recht gut. Die erwarteten Kompanien kommen aber nicht, da sie fast alle ihre Sachen in West-Deutschland gelassen haben.

Inzwischen haben die Polen einen neuen Staat aufgemacht und unsere alte Provinz Posen dem russischen Polen angegliedert. Die Polen greifen an und wollen auch vollkommen deutsche Gebiete in ihre Hand bekommen, rechnen aber nicht mit der Gegenwehr der deutschen Einwohner, die sich bewaffnet den Polen entgegenstellen. Die Truppen eilen zu Hilfe, Freiwilligen-Formationen stellen sich zusammen, und kämpfen im alten Geiste. Unser Bataillon ist auch zum Grenzschutz abgerückt und kämpft bei [unleserlich] Rawikch. Mein Kommando wird aufgehoben, und so stelle ich mich sofort dem Grenzschutz zur Verfügung. Bei den Kämpfen um Sasse hat das Bataillon Offz. [unleserlich] Verluste, und ich gehe zusammen mit Leutnant Mahler und Leutnant Roloff als Nachersatz hinaus. Ich komme zur 3. Feld. Komp., die Oberleutnant Collas führt. Unsere Leute sind ganz gut, der nötige Schliff muß ihnen nur noch beigebracht werden. Allmählich gewöhnen sich die Leute daran, wieder mit Kokarden zu gehen und die Offiziere zu grüßen. Es kostet aber viel Arbeit, wieder richtige Disziplin hineinzukriegen. In den ersten Tagen begraben wir die Opfer der letzten Angriffe. Die ganze Stadt beteiligt sich an der Trauerfeier - eine gewaltige Kundgebung des Deutschtums. Unsere Leute und einige Freiwilligen-Bataillone ziehen stets mit der schwarzweißroten Fahne nach vorn, der Garnisonsoldatenrat wird von Pionieren und Jägern aufgelöst, die rote Fahne vom Rathaus herabgeholt, und durch eine schwarzweißrote ersetzt. Leider wirds nicht viel besser, schlechte Elemente untergraben immer wieder die mühsam aufgebaute Disziplin, die nun mal zum Soldaten gehört.





→1919